Trauerphasen und Traueraufgaben
1. Phase
Aufgabe:
Schock, Verleugnung, Nicht-wahrhaben-Wollen,
Den Verlust als Realität akzeptieren
Symptome:
Betäubung, Empfindungslosigkeit, Starre, Unglauben vor allem nach dem
plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen, "böser Traum",
Unwirklichkeit krampfhafte Haltung, stilles Weinen, lautes Schluchzen,
"Zusammenbruch";
"normale" Reaktion innerhalb eines Zeitraums von einigen Stunden bis
zu drei Wochen.
Hilfen:
- evtl. alltägliche Pflichten übernehmen
- Akzeptieren der Empfindungslosigkeit
- detailliert und wiederholt über den Verlust sprechen lassen, um die
Realisierung zu unterstützen
- Unterstützung bei Aufbahrung und Verabschiedung, Beerdigung (offenes
Grab) und ersten Friedhofsbesuchen
- Nähe und Wärme bieten, Zusammensein mit FreundenInnen und
Angehörigen fördern, ohne die Betroffenen zu bevormunden.
Blockaden oder problematische Reaktionen:
- Nicht-wahrhaben-wollen
als dauernde Abwehr,Weiterleben, als wäre nichts geschehen, Verharren
in der Verleugnung:
- Leugnung der Tatsache des Verlustes
- Mumifizierung der Besitztümer der/des Verstorbenen
- Leugnung der Bedeutung des Verlustes und Entwertung ("Er war kein
guter Vater", "Mir fehlt nichts")
- Verzerrung, z. B. dadurch, daß die/der Verstorbene in einem anderen
Menschen weiterlebt (häufig bei Verlust von Kindern)
- selektives Vergessen
- Leugnung der Endgültigkeit des Todes (z. B. spiritistische
Praktiken)
2. Phase
Aufbrechende Gefühle,
Den Trauerschmerz erfahren
Symptome:
Gefühlschaos von Trauer, Angst, Wut, Hilflosigkeit, Schuldgefühlen,
unbegründete Heiterkeit, Suche nach Schuldigen, Ruhelosigkeit,
Gewichtsverlust, Schlafstörungen, Anfälligkeit für Infektionen.
Hilfen:
- Erlaubnis geben, die Gefühle zu zeigen, sich gehen zu lassen
- Hilfe bei der Identifikation und Artikulation von Gefühlen
- Angst vor dem "Verrücktsein" beruhigen durch Hinweis auf die
"Normalität" des emotionalen Chaos
- Sprechen über die/den Toten, über die Beziehung, über das, was
fehlt, aber auch über das, was nicht fehlt
- sensibel sein für verdeckten Ärger auf die/den Verstorbene/n
- Erlaubnis geben, daß beides sein darf: "Ich liebe dich und ich bin
wütend auf dich!"
- Autoaggression auf die/den Verstorbene/n richten lassen
- Realitätsprüfung von Schuldgefühlen: "Was haben Sie wirklich getan
oder unterlassen?"
Blockaden und problematische Reaktionen:
- andauernde Gefühlslosigkeit, Unterdrückung und Gedanken-Stop
- Verschweigen des Verlustes
- äußerer Druck oder verinnerlichte Normen,z. B. sich nicht zu grämen,
oder daß Trauern depressiv macht, egoistisch ist oder ein Zeichen von
Unglauben
- Idealisierung der/des Toten oder des Todes
- Flucht durch Ortswechsel
- Flucht durch Überaktivität
3. Phase
Aufgabe:
- Suchen und Sich Trennen
- Sich anpassen an eine Umwelt, in der die/der Verstorbene fehlt
Symptome:
- Innere Zwiegespräche, gedankliche Besetztheit ("Ich kann an nichts
anderes denken als an die/den Verstorbenen"),
- Suche in Träumen, auf der Straße, an Orten, die mit der/m
Verstorbenen zu tun hatten;
- Erfahrung des Findens und Sich- Trennen-Müssens, aber auch, daß
die/der innere Partnerin und die Beziehung sich verändert;
- Erkennen des Ausmaßes des Verlustes,
- Prüfung der Möglichkeiten eines Ersatzes bzw. einer Übernahme von
Rollen;
- Revision und beginnende Neudefinition der Lebensziele
Hilfen:
- regelmäßiges Sich-Kümmern, vor allem zu Zeiten, die mit der/dem
Verstorbenen verbunden sind (Geburts-, Hochzeits-, Todestag, Ferien,
Festtage)
- nicht drängen, das "unsinnige" Suchen aufzugeben
- Erlaubnis, Geschichten und Phantasien bzgl. der/des Verstorbenen
immer wieder zu erzählen und die sich einstellenden Emotionen
zuzulassen
- Rollenübernahme unterstützenund bei Problemlösungen helfen
- von zu frühen oder weitreichenden Entscheidungen abraten
- Schwankungen zwischen Realisierung und "Flucht" einkalkulieren und
erklären
- Coping-Strategien (Bewältigungsmuster), persönliche
Abwehrmechanismen beobachten und ggf. vorsichtig deren Sinnhaftigkeit
ansprechen
- Herausarbeiten: Was ist mir geblieben, was hat die/der Verstorbene
aus mir "herausgeliebt"?
Blockaden oder problematische Reaktionen:
- exzessives Suchtverhalten
- Intensivierung des Suchens und Festhaltens, Nicht-Loslassen
- Rückzug von der Welt
- Beharren In der eigenen Hilflosigkeit und Verweigerung des Abschieds
4. Phase
Aufgabe:
- Neuer Selbst- und Weltbezug
- Eine neue Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt finden;
- starke gefühlsmäßige Bindung an die/den Verstorbene/n lösen und in
neue Beziehungen investieren
Symptome:
- Der Verlust ist akzeptiert, neue Aufgaben und Rollen können
übernommen werden;
- neues Selbstvertrauen und neue Selbstachtung sind gewachsen, neue
Beziehungen sind möglich,ohne daß die/der Verstorbene und ihre/seine
Bedeutung vergessen sind.
Hilfen:
- meist unnötig, möglicherweise kontraindiziert, wenn sie die neue
Selbständigkeit der/des Trauernde/n ignorieren
- eventuell Versuche zu neuen Beziehungen unterstützen
Blockaden oder problematische Reaktionen:
- neuer Selbstand und neue Beziehungen werden als Untreue gegenüber
der/dem Verstorbenen erlebt und verhindert
- Rückfälle werden nicht einkalkuliert und führen zu tiefen
Enttäuschungen
- Vermeidung neuer Beziehungen aus Angst vor neuen Verlusten oder den
Reaktionen der Umwelt
- Abwendung vom Leben, den Lebenden und der Liebe
Bitte beachten:
1. Trauer braucht Zeit (kann bis 8 Jahre gehen)
2. Die Phasen laufen nicht linear ab
3. Ob eine Reaktion "normal" oder "pathologisch" ist, hängt von ihrer
Dauer und ihrer Intensität ab (keine vorschnelle Pathologisierung).
_______________________________________________________________________________________________