Konzep Konzept für die evangelische Seelsorge im Altenheim Seelsorge im Altenheim

 

Das Altenheim ist ein komplexes Aufgabenfeld, in dem individuelle, institutionelle, gesellschaftliche und kirchlich - religiöse Fragen miteinander verschränkt sind.
Ein Konzept für die Seelsorge im Altenheim muß sich diesen Herausforderungen stellen, um eine sinnvolle Arbeit in diesem Bereich zu ermöglichen.

I. Die gesellschaftliche Situation als Herausforderung für die Kirche

"Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet." ( Jes. 46,4 )

Zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung der Kirche gehört es, daß sie sich auch in die  Diskussion um Lebensformen im Alter einbringt. Dabei spielen 1. Die Veränderung des Bevölkerungsaufbaus und 2. Die in der Gesellschaft vorherrschende Verdrängung von Altern und Sterben entscheidende Rollen.
( 1. ) Aktuelle Zahlen belegen, daß sich der Anteil der Bevölkerung über 65 Lebensjahren bis zum Jahr 2040 nahezu verdoppeln wird. Gleichzeitig sinkt die Zahl der 16 - 65jährigen, die als Angehörige oder Pflegefachkräfte für die Betreuung der Älteren in Betracht kämen, um 7,2% bzw. 12 Mio. Menschen. Es ist daher absehbar, daß viele im Alter geschwächte Frauen und Männer nicht mehr die Integration in die familiäre Gemeinschaft finden, die sie trägt. Während 1994 etwa 900.000 Menschen über 65 Jahre in Heimen und Altenwohnun-gen betreut wurden, werden es bis zum Jahr 2040 schätzungsweise 1,4 Millionen sein.
Das bedeutet gegenüber dem derzeitigen Stand einen Zuwachs von über 50%. Infolge-dessen wächst der Bedarf an stationären Einrichtungen zur Versorgung pflegebedürftiger Menschen stetig.
Die Einführung der Pflegeversicherung ist eine Reaktion auf diese Entwicklung und der Versuch, die Finanzierung der Pflege alter Menschen sicherzustellen. Gleichzeitig hat sich die Betreuungssituation in den Heimen durch die Vorgaben der Pflegeversicherung verschärft. In den Heimen finden zunehmend ältere, schwerstpflegebedürftige, demente und sterbende Menschen Aufnahme.
( 2. ) Neben dem ökonomischen Druck, der auf BewohnerInnen und Angehörigen lastet 
( ich koste zuviel; mein Vater / meine Mutter kostet zuviel ), wirkt sich auch der stärker werdende Zeitgeist negativ auf die Situation in Altenheimen aus: 
Das Altern und Sterben eines Menschen wird gesellschaftlich an den Rand gedrängt, da allein das Jungsein und die Leistungsfähigkeit eines Menschen ihm Anerkennung und Ak-zeptanz in dieser Gesellschaft verschaffen.
Diesem steht das christliche Menschenbild gegenüber, welches die Menschenwürde nicht auf die Leistungsfähigkeit oder die Unversehrtheit von Leib und Seele ableitet. Die Würde des Menschen gründet in der Zuwendung Gottes, der ihm das Leben schenkt und zu dem er zurückkehrt. ( alternativ:  Gott spricht dem Menschen seine Würde zu. Sie ist unver-brüchlich und besteht über den Tod hinaus )
 

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*  Unter diesem summarischen Begriff fassen wir im Folgenden die Einrichtungen zusammen, in denen alte
   Menschen auf Dauer betreut werden:  Altenheime, Pflegeheime, Wohnstifte usw.
1  8. Koord. Bevölkerungsschätzung, Variante 2, Statistisches Bundesamt
 Daraus ergibt sich für die Kirche eine doppelte Herausforderung: 
a. ) Ein Einwirken auf die gesellschaftliche Tendenz, Alte und insbesondere pflegebedürf-tige Menschen geistig wie ökonomisch an den Rand der Gesellschaft zu drängen, und anhand des christlichen Menschenbildes die Diskussion darüber in einer ökonomisierten Gesellschaft zu suchen und auszutragen. AltenheimseelsorgerInnen sind in diesem Prozeß in besonderer Weise gefragt, beratend und die Diskussion befördernd tätig zu sein.
b.  )Aus der Umsetzung dieses Menschenbildes erwachsen Folgerungen für das Leben unserer Kirche sowohl im diakonischen wie im seelsorgerischen Bereich. Auch für den seelsorgerischen Bereich bedarf es daher eines Konzeptes, das qualifizierte Arbeit in den Altenheimen ermöglicht.
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II. Die BewohnerInnen

"Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Ge-walten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch ei-ne andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." ( Röm. 8, 38f )

Der Umzug in ein Altenheim wird von alten Menschen als tiefer Einschnitt in ihr Leben er-fahren. Ein Großteil der Betroffenen erlebt ihn als persönliche Krise ihrer Identität aufgrund des Verlustes des gewohnten Umfeldes und Abbruchs vielfältiger Beziehungen, der Erfah-rung eigener geistig - körperlicher Grenzen und Veränderungen infolge des Alterungsprozesses, abnehmender Selbständigkeit sowie zunehmender Abhängigkeit und Fremdbe-stimmung, Vereinsamung, der ständigen Konfrontation mit Leiden, Sterben und Tod.
Andere erleben den Umzug in ein Altenheim auch als Entlastung von der Sorge um das persönliche Wohlergehen und die Organisation des Alltags. Sie fühlen sich im Altenheim geborgen und sind zufrieden.
SeelsorgerInnen begleiten die BewohnerInnen in ihrer jeweiligen Situation und bezeugen Gottes Beständigkeit und Liebe im Hier und Jetzt und über den Tod hinaus.
Dabei aktivieren sie vorhandene Fähigkeiten und akzeptieren zugleich das Schwinden der Kräfte von BewohnerInnen. Altenheimseelsorge ist ganzheitliche Seelsorge, die Erkennt-nisse der Gerontologie in ihre Arbeit einbindet. Sie unterstützt BewohnerInnen, Rückblick auf die eigene Lebensgeschichte zu halten ( Lebensbilanz ), Krisen durchzustehen, um Verlorenes zu trauern, unabwendbares Leid anzunehmen und Hilfe in ihrem Glauben zu finden.

Konkrete Aufgaben der Altenheimseelsorge mit BewohnerInnen sind: 
- Besuche ( z.B. bei Neuzugezogenen, zu Geburtstagen und Jubiläen, in Krisen )
- Gottesdienste
- Abendmahlsfeiern und Krankensalbungen
- Gesprächskreise
- Beratung im Blick auf Patientenverfügung
- Trauer - und Sterbebegleitung
- Beerdigungen, Aussegnungen, Erinnerungsgottesdienste
- Gestaltung von Kirchenjahresfesten, Präsenz bei Feiern
- Schriften ( Begrüßungs - und Geburtstagsschreiben, Beiträge in der Heimzeitung, Verteilschriften )
 

III. Die Angehörigen

"Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen,. Woher kommt mir Hilfe?" ( Ps. 121, 1 )

Der Einzug in ein Altenheim markiert nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen einen neuen Lebensabschnitt.
SeelsorgerInnen sind sensibel für die Komplexität der Themen, welche die Angehörigen bewegen.
- Oft sind die Angehörigen vor die Aufgabe gestellt, innerhalb kurzer Zeit einen Heim-platz zu finden und den Einzug zu organisieren.
- In häuslicher Pflege tätige Angehörige sehen sich oftmals in der Spannung zwischen eigenen Kräften und Bedürfnissen und denen ihrer pflegebedürftigen Verwandten. Äußere Notwendigkeiten stehen dabei manchmal im Widerspruch zu eigenen Wert-vorstellungen und der Bewertung durch andere:  Heimunterbringung bedeutet deshalb für die Angehörigen zuweilen ein emotionales Wechselbad zwischen Erleichterung und Gewissensbissen.
- Hinzu kommt, daß spätestens von nun an die Rollen von Eltern und Kind als Sorgende und Versorgte eine Umkehrung erfahren. Die Generation der Kinder sieht sich u.U. in die Verantwortung gestellt, für ihre Angehörigen gesetzliche Betreuungsaufgaben zu übernehmen oder an Dritte abzugeben.
- Neben verwaltungstechnischen Aufgaben und finanzieller Belastung müssen sie u.U. ethische Entscheidungen bei medizinischen Eingriffen an ihren Familienmitgliedern treffen.
- Die Begegnung mit Gebrechlichkeit und Krankheit, mit dementieller Veränderung, mit Leiden und Sterben im Altenheim nötigt viele Angehörige zur Auseinandersetzung mit der leidvollen Seite menschlichen Lebens.
Angesichts der Verwobenheit der persönlichen Lebensgeschichten fällt es den Angehöri-gen meistens sehr schwer, die Fülle dieser Aufgaben zu bewältigen.

SeelsorgerInnen bieten
- Begleitung bei Gewissenskonflikten / Schuldgefühlen
- Beratung in medizinisch - ethischen Fragen
- Vermittlung bei auftretenden Konflikten zwischen Angehörigen und Mitarbeitenden
- Hilfestellung für den eigenen Umgang mit Leben, Sterben und Tod
- Trauerbegleitung durch Trauerkreise und spezielle Gottesdienste
- Möglichkeiten zur Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte

IV. Die Mitarbeitenden des Altenheims

"Was ihr einem von diesen meinen geringsten Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan." ( Mt 25, 40 )

SeelsorgerInnen kommen mit Mitarbeitenden aus allen Arbeitsbereichen und Hierarchiee-benen ins Gespräch ( Pflege, Sozialer Dienst, Hauswirtschaft, Verwaltung, Heimleitung, Ehrenamtliche ).
( 1  ) Altenheimseelsorge würdigt das Engagement aller Mitarbeitenden für die Alten und Schwachen. Durch den täglichen Kontakt zwischen BewohnerInnen und Mitarbei-tenden können von den Mitarbeitenden verschiedene Funktionen und familiäre Rollen stellvertretend übernommen werden und so Lücken geschlossen werden. Indem Seelsorge diese Arbeit wertschätzt, verhilft sie den Mitarbeitenden zu größe-rem Selbstbewußtsein und unterstützt sie in ihrem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung ( berufliches Ansehen, Gehalt etc. ).
( 2 ) Seit der Einführung der Pflegeversicherung befindet sich die Institution Altenheim im Umbruch. Das bedeutet für die Mitarbeitenden vielfach eine höhere Forderung nach Flexibilität, zusätzliche Arbeitsbelastung ( insbesondere durch den steigenden Anteil an Schwerstpflegebedürftigen und Dementen ) sowie auch der Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Die hohe Sterblichkeit führt zu häufigeren Beziehungsabbrü-chen zwischen Mitarbeitenden und BewohnerInnen. Die ständige Konfrontation mit Leiden und Tod erfordert ein hohes Maß an seelischer und körperlicher Belastbar-keit. SeelsorgerInnen sind dabei kompetente GesprächspartnerInnen und tragen zur Entlastung der Mitarbeitenden bei.
( 3 ) Altenheimseelsorge nimmt die Mitarbeitenden in ihren ethischen Fragestellungen und Konflikten wahr. Sie gibt Hilfestellungen in der Entwicklung und Umsetzung ethischer Maßstäbe ( z.B. durch Fortbildungsveranstaltungen ).
( 4 ) In der Altenheimseelsorge ist die Kirche im Alltag der Mitarbeitenden präsent. Sie bietet ihnen Seelsorge und Beratung, Möglichkeiten zum geistlichen Auftanken und Nachdenken über die eigenen Fragen des Glaubens. In partnerschaftlicher Zu-sammenarbeit erfolgt wechselseitige Unterstützung.
( 5 ) Den professionellen Mitarbeitenden stehen ehrenamtliche Mitarbeitende zur Seite, die diakonisch und seelsorgerisch tätig sind. Auch ihnen sind die AltenheimseelsorgerInnen kompetente Ansprechpartner in den oben genannten Problemfeldern.

V. Die Einbindung der Altenheimseelsorge in den einrichtungsbezo-genen, kirchlichen und gesellschaftlichen Kontext.

Die Altenheimseelsorge lebt nicht für sich allein, sondern braucht Partnerschaft von Mitar-beiterInnen und Verantwortlichen sowie sachgerechte Informationen. Sie weiß sich aus-schließlich dem Auftrag der Kirche verpflichtet. Auf diesem Hintergrund strebt sie die Mit-gestaltung von Atmosphäre und Lebensbedingungen in den Einrichtungen an.

So sucht die Altenheimseelsorge Kontakt innerhalb des Hauses zu Heimbeirat, Pflege und Pflegedienstleitung, Heimleitung, und zu dem sozialen Dienst. Zur Klärung gegenseitiger Erwartungen und evt. Unterstützung dienen die Gespräche mit der Geschäftsführung und dem Träger der Einrichtung. Zu den Kontakten innerhalb des Hauses gehört auch die Zu-sammenarbeit mit der katholischen Seelsorge.
Außerhalb des Hauses stellt die Altenheimseelsorge den Kontakt zur Arbeit der Kirchen-gemeinde her. Das kann geschehen in Form von gemeinsamen Gottesdiensten und Fei-ern, gegenseitigen Einladungen, Besuchsdienstkreisen, Berichte übereinander in Gemeindebrief und Heimzeitung.
Koordination und Austausch über die Arbeit in unterschiedlichen Altenheimen geschieht einerseits auf kreiskirchlicher Ebene. Hier ist die Benennung eines / einer  Synodalbeauf-tragten für Altenheimseelsorge sinnvoll. Andererseits übernimmt auf landeskirchlicher Ebene diese Aufgabe der Arbeitskreis für Altenheimseelsorge im Rahmen des Konvents der Krankenhausseelsorge. Unverzichtbar ist ein qualifiziertes Aus - und Fortbildungsan-gebot für diesen Arbeitsbereich. Beauftragte für Altenheimseelsorge der EkiR nehmen an den jährlichen EKDweiten Treffen für Altenheimseelsorge teil. Dadurch geschieht Vernet-zung und Koordination der Altenheimseelsorge aller Landeskirchen.
Durch die Zusammenarbeit mit Werken und Einrichtungen ( z.B. Diakonisches Werk, re-gional und überregional ), politische Institutionen, Öffentlichkeitsarbeit und anderen kirchli-chen Einrichtungen kann die Altenarbeit und Altenheimseelsorge gestärkt werden.
Die Kirche weiß, daß Menschen aufeinander angewiesen sind. Sie betont deswegen die Notwendigkeit einer Solidarität zwischen den Generationen und fordert dazu auf. Seelsor-gerInnen veranschaulichen durch ihre Kontakte und Beziehungen die Solidarität der Kir-che mit den alten Menschen.

Anlage

Die Seelsorge im Altenheim gliedert sich in folgende Schwerpunkte: 

I. Gespräche und Besuche mit / bei BewohnerInnen

Krankenabendmahl / Segnung / Salbung
Sterbebegleitung
Trauerbegleitung durch Trauerkreise und Erinnerungsgottesdienste
Gottesdienste
Amtshandlungen
Theologische Gesprächskreise etc.

II. Begleitung der Angehörigen

Trauerbegleitung durch Trauerkreise und Erinnerungsgottesdienste
Besuchsdienste
Begleitung, Fortbildung und Supervision von Mitarbeitenden
Unterricht im Fachseminar für Altenpflege
Ethikkommission
Mitarbeit im Leitungskreis / Gremien

III. Öffentlichkeitsarbeit
Kontakt zur Kirchengemeinde
Diakonieausschuß der Kirchengemeinde
kirchenpolitische Arbeit
Konvent der Krankenhaus -  und AltenheimseelsorgerInnen
 
 

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